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Interview

Stuart Rhodes (M&G): „Wer aufs Wachstum der Dividende setzt, gewinnt“

Stuart Rhodes vom M&G Global Dividend Fund setzt nicht auf eine hohe Ausschüttung per se. Sein Massstab ist spezifischer, wie er im Interview erklärt.
© M&G International Investments Limited

Herr Rhodes, wie entwickelt sich ein Dividendenfonds in einem Umfeld, in dem sich Inflation zurückmeldet und das Zinstief erreicht ist – befürchten Sie Gegenwind?

Sehr populär waren in den vergangenen Jahren Aktien mit sicherer Dividende. Sie dienten quasi als Obligationenersatz und wurden trotz hoher Bewertung vielfach gekauft, wie Procter & Gamble, Colgate, Coca-Cola oder Nestlé. Dieser Teil des Dividendenmarktes ist verletzlich, wenn die Zinsen steigen und Anleger beginnen, Obligationen wieder als Alternative zu sehen.

Wird das schon bald der Fall sein?

Auch wenn die Zinsen weiterhin niedrig bleiben – dass die Wende kommt, wenn sie nicht schon begonnen hat, ist mit Blick auf die sich erholende Konjunktur so gut wie sicher. Nicht zuletzt kommt es deshalb darauf an, wie stark die Dividende eines Unternehmens wächst, um gegen höhere Zinsen gewappnet zu sein.

Auch Nestlé & Co. steigern die Dividende.

Einverstanden, und auch an der Qualität von Nestlé gibt es nichts zu deuteln. Aber es gibt Marktphasen, in denen solche Aktien – und der Konsumsektor ist ein gutes Beispiel dafür – zu teuer werden. Wir hielten Nestlé bis 2014 fünf Jahre lang. Die Bewertung war attraktiv, das Gewinnwachstum stark, und die Ausschüttung passte. Dann stieg der Kurs weiter, aber die Ertragsdynamik des Unternehmens liess nach, sodass wir uns von den Titeln trennten. Wenn eine Aktie zulegt, obschon sich die fundamentalen Daten abschwächen, werden wir vorsichtig.

Was darf Qualität kosten?

Sie hat ihren Preis, und 50 bis 60% des Fondsvermögens sind in klassische Qualitätstitel investiert. Doch wenn nur noch das Sicherheitsargument einen Titel oder einen Sektor treibt, kann das zwar eine gewisse Zeit lang funktionieren. Aber grundsätzlich folgt der Aktienkurs dem freien Cashflow und der Dividende eines Unternehmens. Für eine substanzielle Belebung des Nahrungsmittelgeschäfts bedarf es neuer kräftiger Impulse aus den Schwellenländern. Diese profitieren zwar vom Konjunkturaufschwung, aber die Kaufkraft wendet sich primär zyklischen Konsumgütern und Luxusartikeln zu.

Welches sind klassische Qualitätsinvestments in Ihrem Fonds?

Zyklischer Konsum, Pharma und Gesundheit sowie Informationstechnologie sind ein Teil davon. Die klassischen defensiven Titel aus der Telecom- und der Versorgerindustrie sind untergewichtet, wobei wir nach Einzelunternehmen und nicht nach Sektoren investieren. Ein typischer Vertreter in unserem Portfolio sind die Aktien des US-Gesundheits- und Körperpflegekonzerns Johnson & Johnson. Er generiert Jahr für Jahr Milliarden freien Cashflow und lässt die Aktionäre nicht zu stark, aber auch nicht zu wenig daran teilhaben.

Woraus bestehen die restlichen 40 bis 50% des Fonds?

Zu den 50 bis 60%, die wir als Qualität bezeichnen, kommen günstige, Value-typische Dividendentitel mit 20 bis 30% des Vermögens hinzu. Der dritte Pfeiler sind Wachstumswerte, Aktien von aufstrebenden oder wieder erstarkten Unternehmen, deren Ausschüttung im Gleichschritt mit dem Wachstum steigt. Diese dreiteilige Struktur verleiht dem Portfolio Sicherheit, Dynamik und Flexibilität.

Wie deckt sich das mit der Praxis?

Der Ansatz funktioniert. Wir waren nicht, wie andere Dividendenfonds, zu kostspieligen Investments gezwungen, als die Dividendenpapiere in den vergangenen Jahren immer teurer wurden. Value und Wachstum haben anteilsmässig zugenommen. Dazu gehören Energie, Grundstoffproduzenten sowie Valoren von Industrieunternehmen, deren Dividende sich ebenfalls sehen lassen kann und die günstiger sind.

Setzt sich die konjunkturelle Besserung fort, und geht die Aktienrally weiter?

Beim Konsum ist das Wachstum begrenzt. Aber die lange darbenden Unternehmensinvestitionen erleben ein Comeback. Wenn jetzt nicht neue Kapazitäten aufgebaut werden, geraten wir in zwei, drei Jahren in eine gefährliche Knappheit. Das weiss die Industrie und handelt entsprechend. Es sind die Fakten, die den Aktienmarkt treiben, und die deuten auf einen Wandel, auf eine wieder stärkere Weltwirtschaft hin, politische Störfeuer hin oder her. Auch die USA sind an einer starken Weltkonjunktur interessiert.

Das heisst: zyklisch vor defensiv, weiterhin?

Ja, wenn die Weltwirtschaft an Schwung gewinnt, worauf viele Indizien hindeuten, gibt es viele Sektoren, die noch nicht oder erst im Ansatz davon profitieren und Raum nach oben haben. Zwei wichtige Nachfrager und Treiber für Unternehmensinvestitionen sind die Energiewirtschaft und der Bergbau. Beide sind durch eine tiefe Rezession gegangen und bekunden grossen Nachholbedarf, was viele Zulieferer mitreisst und auf die gesamte Industrie ausstrahlt. Die Begleiterscheinung ist Inflation, was die Notenbanken auch anstreben.

Schützen Dividendenaktien vor Inflation?

Nur, wenn die Ausschüttung stärker steigt als die Inflation. Bei der Mehrheit unserer Titel wächst die Dividende solid zwischen 5 und 15%. Bei Unternehmen wie Broadcom, UnitedHealth, Cisco und MasterCard ist die Ausschüttung zuletzt noch deutlich mehr gestiegen.

Wie gehen Sie vor, wenn das Wachstum nachlässt?

Dann kommt das Unternehmen unter besondere Beobachtung. Fehlen Hinweise, dass sich die Situation über eine gewisse Zeit bessert, steigen wir aus.

In dieser Situation befindet sich Novartis, der einzige Schweizer Wert im Fonds, nachdem Sie letztes Jahr Roche mit Gewinn verkauft haben. Wie beurteilen Sie Novartis?

Der Pharmakonzern befindet sich in der  Restrukturierung, besonders die Augenheilsparte Alcon. Das Dividendenwachstum der letzten Jahre von 3 bis 4% geht in Ordnung, mehr hätte der freie Cashflow nicht hergegeben respektive es hätte uns aufgeschreckt. Bei erfolgreicher Verschlankungskur wird auch die Dividende wieder stärker wachsen. Wir werden die Entwicklung aufmerksam verfolgen.

Es gibt Unternehmen, die zu viel ausschütten, und solche, die fast den gesamten Gewinn reinvestieren, Tech-Gesellschaften zum Beispiel. Wo ist die goldene Mitte?

Wir meiden Gesellschaften, die fast alle zur Verfügung stehenden Mittel ausschütten. Sie schenken der Zukunft zu wenig Beachtung. Die meisten Unternehmen, in die wir investiert sind, schütten 25 bis 50%  des Cashflows als Dividende aus. Das ist ein vernünftiger Wert. Johnson & Johnson beispielsweise zahlt jedes Jahr die Hälfte der freien Mittel an die Aktionäre aus und sagt, das zwinge den Konzern, mit dem restlichen Geld, auch wenn es noch immer eine hohe Summe ist, sinnvoll umzugehen. Die Übernahme der Schweizer Biotech-Gesellschaft Actelion ist ein solcher Akt.

Würden Sie den US-Tech-Giganten Apple mit seinen milliardenhohen Cash-Reserven und der im Verhältnis niedrigen Dividende als schlechte Investition bezeichnen?

Nein, das nicht. Das Problem von Apple ist, dass ein Grossteil des Gewinns im Ausland anfällt und aus steuerlichen Gründen dort belassen wird. Bei einer Repatriierung  in die Vereinigten Staaten würden riesige Steuerzahlungen anfallen, wenigstens so lange, als die Regierung Trump das Steuerrecht nicht abändert. Aber auch die Apple-Führung hat gelernt, dass eine Ausschüttung fürs Unternehmen von Vorteil ist, nachdem früher die Aktionäre keinen Cent erhalten hatten. Viele amerikanische Tech-Unternehmen schliessen sich diesem Trend an und binden so die Aktionäre stärker an sich.

Kaufen Sie zu?

Hätte man mich im Jahr 2008 bei der Gründung des Fonds gefragt, was das schwierigste Land und was der schwierigste Sektor für einen Dividendeninvestor ist, hätte ich geantwortet: Japan und Technologie – weil der IT-Bereich aus Dividendensicht nur wenige Möglichkeiten bot. Heute ist das schwierigste Land noch immer Japan, aber der IT-Sektor hat sich gewandelt. Längere Zeit waren wir übergewichtet. Zurzeit ist unser Anteil neutral, bei Kursschwächen können wir uns jedoch Käufe vorstellen.

Was sind jüngste Investitionen?

Neuere Investments sind beispielsweise die Finanzdienstleister Nordea, Schroders und St. James Place – günstig bewertet und mit guten Perspektiven. Das Gleiche gilt für Medtronic und – ebenfalls aus den Vereinigten Staaten – für Nike, Visa und MasterCard.

Wie erkennt man frühzeitig, ob eine Dividende gekürzt wird?

Wenn Ertrags- und Dividendenentwicklung nicht mehr übereinstimmen und die Ausschüttungsquote 75 bis 80% des operativen Cashflows übersteigt, ist das ein Alarmzeichen. In der Regel versucht ein Management krampfhaft, das Dividendenniveau zu halten, auf Kosten von Investitionen und damit zulasten von zukünftigem Wachstum. Es ist kein wasserfestes Indiz, aber in vielen Fällen kommt es genau so.

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Herausgeber: Finanz und Wirtschaft
INTERVIEW Hanspeter Frey
06.03.2017