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Interview

Dr. Georg von Wallwitz (Eyb & Wallwitz): „Das gleiche Portfolio, es klingt nur besser“

Auch Fachleute wissen nicht alles. Da liegt es nahe, den Gehalt der eigenen Aussagen hinter Begriffen wie „Nachhaltigkeit“ und „Indexfonds“ zu verstecken. Ein Fondsmanager keilt nun gegen den Marketing-Sprech seiner Kollegen aus.
© Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH

Fachleute sollen Sicherheit geben. Dumm ist nur, dass auch Fachleute nicht alles wissen. Eine bevorzugte Reaktion ist dann, den Gehalt der eigenen Aussagen zu verschleiern – Hauptsache, es klingt gut. Die Branche der Vermögensverwalter macht da keine Ausnahme. Georg von Wallwitz, Gesellschafter und Portfoliomanager der Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz, hat dazu eine klare Position: „Es ist in unserer Branche durchaus üblich, sich komplizierter auszudrücken, einfach um wichtiger zu klingen. Man bemüht Modelle und Regressionsanalysen, und schon weiß niemand mehr, worum es eigentlich geht.“

Blinde Flecken, so Wallwitz, seien nun einmal Teil des Investmentprozesses. Modelle suggerierten nur Wissen, denn schließlich sei nicht alles quantifizierbar. „Was heißt es, wenn ein Managementteam instabil ist? Wie quantifiziert man das“, gibt er ein Beispiel. Subjektive Urteile nach qualitativen Kriterien seien unerlässlich. Sie müssten aber offengelegt werden. Stattdessen werde sich hinter scheinbar objektiven, mathematischen Modellen verschanzt. Grundsätzlich sei das natürlich dem Marketing geschuldet. „Die Kunden wollen jemanden, der ihnen die Unsicherheit nimmt – einen, der alles weiß. Den gibt man ihnen“, sagt Wallwitz. „Davon lebt vor allem die gesamte Hedgefonds-Branche. Sie bringt aber nicht die entsprechenden Ergebnisse.“

Ein Beispiel für einen solchen Marketing-Begriff sei der derzeit so beliebte Indexfonds. Hier werde suggeriert, das Investieren sei nachvollziehbar, weil passiv, so dass keine eigenen Anlageentscheidungen stattfänden. Doch damit sei es nicht so weit her. „Man tut so, als seien Indizes gottgegeben und unfehlbar. Tatsächlich werden sie von einem Komitee, also von Menschen festgelegt. Und nicht immer werden die Kriterien dabei nachvollziehbar angewandt.“ Mittlerweile gebe es mehr Aktienindizes als Aktien, weil ständig irgendwelche Indizes kreiert würden. „Wenn man einen Indexfonds auflegt, der mit doppeltem Hebel den M-Dax leer verkauft, dann ist das eines nicht mehr: passives Investieren.“ Und das Investieren sei auch nicht besser geworden. „Es werden die gleichen Fehler gemacht, nur dass man sie mit Indexfonds statt mit Einzelaktien macht und glaubt, man sei schlauer als zuvor. Die Haltedauer des wichtigsten Indexfonds der Welt beträgt im Durchschnitt sechs Wochen. Das ist kein langfristiges Investieren, das ist Zocken.“

Auch mit dem Begriff Nachhaltigkeit werde es nicht so genau genommen, echauffiert sich von Wallwitz und nennt das Beispiel eines klassischen Wandelanleihefonds. Dieser sei schlecht gelaufen, und eines Tages habe er dann „Convertibles Sustainable“ geheißen. „Man nimmt einen positiv besetzten Begriff und erklärt eine schlechte Performance damit, dass man die Welt rettet. Dabei sind die Kriterien teilweise ein schlechter Witz.“ Dann werde etwa damit geworben, dass der Menschenhandel oder die Verarbeitung von Tierfellen ausgeschlossen würden – was an der Börse wohl ohnehin kaum vorzufinden ist. Der „Best-in-class“-Ansatz heiße oft genug im Klartext: „Am wenigsten schlimm“. „Letztlich ist es dann das gleiche Portfolio, es klingt nur besser.“

Doch es ist nicht nur das Marketing, das dem Manager der Phaidros-Fonds sauer aufstößt. Noch verheerender sei es, wenn Manager den eigenen Marketingsprech glaubten. „Wer die Sprache beherrscht, beherrscht die Gedanken. Wenn ich mich nur in nicht durchdachten Phrasen ausdrücke, denke ich auch so.“ „Sloppy thinking“ nennt von Wallwitz das – schlampiges Denken.

Das führe dann aber dazu, dass sich Fondsmanager am Ende auch gar nicht an die Modelle hielten, die sie vorgäben zu verfolgen. Weil sie ihren Modellen und Vorgaben nicht vertrauten, wichen sie davon ab, und zwar um so eher, je mehr sie unter Druck gerieten. Im Endeffekt klammerten sich die Manager dann an den Vergleichsindex.

Von Wallwitz plädiert für Einfachheit und Klarheit und versucht die eigenen Anlageprinzipien knapp zu umreißen: Kaufen für einen Preis unter dem diskontierten prognostizierten Ertrag; kein Market-Timing, kein Spekulieren auf Kredit und kein Renditehebeln mit Derivaten. „Kredit und Derivate sind Schönwetterinstrumente. Das kann ich mit meinem eigenen Geld machen. Aber die Praxis zeigt, dass viele Fondsanleger Verluste in Krisen nicht aussitzen.“ Market-Timing funktioniere nur mit langfristigem Blick und sei kurzfristig eher katastrophal. Den eigenen Kunden schenke man reinen Wein ein, sagt von Wallwitz natürlich: Man werde sich irren, die Wertentwicklung werde schwanken und es werde schlechte Jahre geben.

„Theoretisch könnte jeder Anleger unser Konzept auch selbst abbilden.“ Aber in der Praxis habe sich gezeigt, dass das eher weniger oft auch funktioniere, sagt von Wallwitz und versucht sich an einem Bild: „Es ist, als ob sie einem Nichtschwimmer sagen: Keine Gefahr, der Fluss ist im Durchschnitt nur 60 Zentimeter tief. Sobald das Wasser einen Meter hoch ist, ergreift diesen die Panik. Wir aber sind Schwimmer. Ich denke, unsere Wertentwicklung legt nahe, dass wir uns an unser Handwerkszeug halten.“

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Herausgeber: FAZ
02.09.2017
AUTOR Martin Hock