Europäische Konjunkturerholung, die Schlüsselrolle der EZB, Inflationsentwicklungen und die Zukunft der Eurozone. Yves Longchamp, Head of Research bei Ethenea Independent Investors (Schweiz) AG, lieferte Ende August im Gespräch mit FONDS exklusiv Einblicke.
FONDS exklusiv: Kann man sagen, dass ein Gutteil der bisher in Europa gesehenen Konjunkturerholung größtenteils auf externe Faktoren zurückgeht, wie den starken Dollar oder den tiefen Ölpreis? Welche Faktoren könnten das Wachstum in Europa wieder abschwächen?
Yves Longchamp: Die Schwäche des Euro sowie des Ölpreises hat sich positiv auf die Wirtschaft der Eurozone ausgewirkt. Deutschland hat den größten Nutzen aus dem niedrigen Niveau der Einheitswährung gezogen, wie es der Boom seines Außenhandels belegt. Der Einfluss des Ölpreises ist schwieriger zu beziffern. Der durchschnittliche Ölverbrauch pro Einwohner pro Jahr ist ein Anhaltspunkt, wobei der Verbrauch in den USA mit etwa 22 Barrel doppelt so hoch ist wie in Deutschland (11 Barrel pro Einwohner pro Jahr). In Deutschland ist das Konsumverhalten anders und daher ist auch der Einfluss des Ölpreises automatisch geringer.
FONDS exklusiv: Wie sehen Sie die Aktionen der Europäischen Zentralbank? Macht sie Ihrer Ansicht nach einen guten Job oder würden Sie sich andere Maßnahmen wünschen?
Yves Longchamp: Die Europäische Zentralbank spielte eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der internationalen Finanzkrise und trägt immer noch wesentlich zur Bewältigung der Eurokrise bei. Dank ihrer Maßnahmen, insbesondere der quantitativen Lockerung, ist es der EZB gelungen, eine Konvergenz der Zinssätze innerhalb der Eurozone herbeizuführen, allerdings mit Ausnahme von Griechenland. Dies betrifft nicht nur den Refinanzierungssatz der Staaten, sondern ebenfalls den der Unternehmen, was eine unerlässliche Voraussetzung für einen neuen Kreditzyklus ist.
FONDS exklusiv: Kann man das Thema Deflation in Europa tatsächlich endgültig abhaken?
Yves Longchamp: Deflation wird häufig missverstanden. Denn eine negative Inflation wird oftmals mit Deflation verwechselt. Die Inflation war in Europa in der Tat negativ, was größtenteils auf einen massiven Preisverfall von Lebensmitteln und Energie zurückgeht. Das ist allerdings keine echte Deflation. Eine echte Deflation zeichnet sich nämlich durch einen allgemeinen Preisrückgang aus, wodurch die Verbraucher ihr Verhalten ändern. Die Preise fallen fortlaufend. Die Verbraucher fragen sich, warum sie heute konsumieren sollten, wenn sie morgen ein besseres Geschäft machen können. Eine negative Inflation ist jedoch eher mit einem Schlussverkauf zu vergleichen. Wenn die Preise vorübergehend fallen, dann können die Verbraucher ein gutes Geschäft machen, wodurch der Konsum angekurbelt wird.
FONDS exklusiv: Wie geht es weiter mit der EU bzw. der Eurozone? Wo sehen Sie Risiken?
Yves Longchamp: Eine Europäische Wirtschafts- und Währungsunion ohne eine politische Union, wie derzeit der Fall, funktioniert einfach nicht. Das lehrt auch die Geschichte. Daher befindet sich die Europäische Union bzw. die Eurozone inmitten einer existenziellen Krise, die man nur durch die rechtzeitige Umsetzung von notwendigen politischen und institutionellen Strukturreformen wieder in den Griff bekommen kann. Reformen sollten sich nun in erster Linie auf die Arbeitskräftemobilität, einen einheitlichen Konjunkturzyklus und, was derzeit am dringendsten ist, auf ein Risikoteilungssystem konzentrieren. Letzteres ist nämlich die Voraussetzung, um langfristig die gesamte Union homogener und weniger krisenanfällig zu machen. Das braucht natürlich Zeit und geschieht nicht von heute auf morgen. Man darf nicht vergessen, dass eine Währungsunion ein Entwicklungsprozess ist. Derzeit scheinen die europäischen Volkswirtschaften noch vorwiegend zu ihrer nationalen Musik tanzen zu wollen, es wird aber Zeit für ein paneuropäisches Orchester. François Hollande hat in diesem Sinne eine Wirtschaftsregierung der Eurozone ins Spiel gebracht. Diese politische Krise sollten wir daher als Chance sehen, um der Union in Zukunft eine neue und verbesserte Gestalt zu verleihen.