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Marktkommentar

Julian Marx (Flossbach von Storch): Stabile Zinsen, neue Akzente

© Flossbach von Storch

18.06.2026 -

Die erste Sitzung des neuen US-Notenbank-Präsidenten bringt keine Wende. Auf Sicht könnte sich die Geldpolitik der Fed aber grundsätzlich ändern. 

„Künstliche Intelligenz (KI) wird eine bedeutende disinflationäre Kraft sein.“ Mit diesem Satz ließ sich Kevin Warsh, der seit Mitte Mai amtierende Vorsitzende der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), noch im vergangenen November im Wall Street Journal abdrucken.

Damit schürte er ein Narrativ, nach dem tiefere Zinsen vorstellbar sind – sehr zum Gefallen von US-Präsident Donald Trump, der wiederholt tiefere Leitzinsen einforderte. Vermutlich waren es auch Aussagen wie diese, die den US-Präsidenten veranlassten, Warsh ins höchste Amt der US-Notenbank zu hieven.

Doch bereits mit dem ersten Zinsentscheid wird klar: Die Zinssenkungen könnten auf der Zeitachse später erfolgen, als es Trump lieb ist. Denn die geldpolitischen Rahmenbedingungen geben dem neuen Fed-Vorsitzenden aktuell wenig Anlass, etwaige Zinssenkungen zu überstürzen.

US-Leitzins: Fed hält Zinsen stabil

Bei einer US-Verbraucherpreisinflation, die von knapp drei Prozent Ende 2025 auf 4,2 Prozent im Mai kletterte, sind hingegen sogar konkrete Szenarien vorstellbar, in denen das Pendel wieder in Richtung Zinserhöhungen umschlägt. Viel dürfte davon abhängen, inwiefern sich die Hoffnungen auf sinkende Energiepreise in den kommenden Wochen und Monaten bestätigen. Fürs Erste halten die US-Notenbanker aber die Füße still und belassen die US-Leitzinsen in der Bandbreite von 3,5 bis 3,75 Prozent.

Wenngleich Teheran und Washington, D.C., die Hauptstädte des Iran und der USA, gut 10.000 Kilometer Luftlinie trennen, waren die Kriegshandlungen im Iran und im Nahen Osten bis ins Landesinnere der USA zu spüren. So setzte sich der Benzinpreis im landesweiten Durchschnitt im April und Mai bei mehr als vier US-Dollar je Gallone fest, nachdem er zu Jahresbeginn noch weniger als drei US-Dollar betrug. In der Gesamtschau stiegen die US-Energiepreise im Mai um 23,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Ein Preisschock folgt dem nächsten

Eine spürbare Mehrbelastung im Land der weiten Wege, die sich aber auch zügig und nennenswert abschwächen kann, wie die jüngste Ölpreisentwicklung zeigt. So fiel der Ölpreis für ein Barrel der Sorte West Texas Intermediate in den vergangenen vier Wochen von rund 100 auf weniger als 80 US-Dollar.

Wie nachhaltig die gesehenen Ölpreisrückgänge sind, wird entscheidend davon abhängen, ob das geplante Abkommen zwischen den USA und dem Iran tatsächlich eine bleibende Wiederaufnahme der Schifffahrt durch die Straße von Hormus sicherstellen kann.

Zumindest die wirtschaftliche Interessenlage seitens der USA ist dabei offensichtlich: Schließlich schrumpfte die Strategische Ölreserve des Landes seit Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Iran um rund 75 Millionen Barrel auf 340 Millionen Barrel Öl, wie das U.S. Department of Energy zu Beginn dieser Woche mitteilte – so niedrig waren die Reserven zuletzt im Jahr 1983. Damit bleibt der kommende geldpolitische Pfad zunächst eng an die Entwicklungen im Nahen Osten geknüpft.

Darüber hinaus besitzt die Preisentwicklung der vergangenen Monate aber auch insofern eine geldpolitische Brisanz, weil sie nur einen neuerlichen Preisschock nach vielen Jahren erhöhter Inflationsraten darstellt. Beispielsweise sind die zollbedingten Preisanstiege des vergangenen Jahres gerade erst langsam verdaut. Im Ergebnis bewegt sich die US-Inflation seit mittlerweile 62 Monaten oberhalb des Zwei-Prozent-Ziels der Fed, und es dürften noch weitere Monate dazukommen. Für das Schlussquartal 2026 projizieren die US-Notenbanker eine Inflation von 3,6 Prozent. Auch die Kerninflation sehen sie mit 3,3 Prozent oberhalb des Inflationsziels.

Übertragen auf die Inflationserwartungen sehen sich die Notenbanker somit dem Risiko ausgesetzt, dass die US-Bürger nach einer Abfolge verschiedener Schocks zunehmend verleitet sein könnten, von einer strukturell höheren Inflation auszugehen.

US-Wirtschaft: Entspannungssignale am Arbeitsmarkt

Zumindest für den Augenblick dürften Warsh & Co. auch geneigt sein, den geldpolitischen Fokus eher in Richtung des Preisstabilitätsziels zu lenken. Denn hinsichtlich des zweiten Ziels der Notenbank, der Vollbeschäftigung, konnten zuletzt Entspannungssignale vernommen werden.

Nicht nur, dass die US-Wirtschaft weiter ordentlich läuft und die Notenbanker für das Schlussquartal 2026 ein robustes Realwachstum von 2,2 Prozent erwarten. Zudem stieg die Beschäftigung nach Angaben des U.S. Bureau of Labor Statistics in den drei Monaten zwischen März und Mai um insgesamt 565.000 Personen an.

Dies ist insofern bemerkenswert, als das Beschäftigungswachstum in den vergangenen Jahren insbesondere aufgrund einer veränderten Migrationspolitik deutlich zurückging. So wurde für das gesamte Kalenderjahr 2025 lediglich ein Beschäftigungsgewinn von etwas mehr als 100.000 Personen verzeichnet. Weil auch die Arbeitslosenquote bei niedrigen 4,3 Prozent liegt, signalisiert die gute Arbeitsmarktsituation weiter keine Notwendigkeit, dass die Fed zeitnahe Zinssenkungen in Erwägung ziehen muss.

Fed: Zeitnahe Zinssenkungen nicht absehbar

Gleichzeitig sollte man an dieser Stelle im Hinterkopf behalten, dass die Zahlen zum Beschäftigungswachstum erst im vergangenen Jahr spürbaren Abwärtsrevisionen unterlagen. Beispielsweise wurde für den Monat Juni 2025 initial ein Beschäftigungszuwachs von 147.000 Personen berichtet.

Nach zweimaliger Datenrevision wurde aus diesem Beschäftigungsanstieg ein Beschäftigungsrückgang von -13.000 Personen. Aufgrund derartiger Revisionen und Schwankungen bei den Beschäftigungsdaten lohnt es sich, genau hinzuschauen, ob sich die kurzfristig erfreuliche Beschäftigungsdynamik auch in den kommenden Monaten fortschreibt.

Erster Zinsentscheid unter Warsh: kein harter Bruch zur Vergangenheit

Ordentliche Arbeitsmarktdaten sorgen aktuell für einen geringen Handlungsdruck, die Zinsen senken zu müssen. Umgekehrt besteht trotz (wieder) erhöhter Inflationsraten auch keine unmittelbare Notwendigkeit, die Leitzinsen anheben zu müssen.

Einerseits, weil sich das Zinsniveau noch immer auf einem erhöhten Niveau befindet, das an der Schwelle zum restriktiven Bereich verortet werden kann. Andererseits, weil positive Signale hinsichtlich einer Wiederaufnahme der Schifffahrt durch die Straße von Hormus eine bleibende Entlastung bei den Energiepreisen mit sich bringen können. Damit geht die zinsseitige Richtungssuche erst einmal weiter.

Unsicherheit besteht aber nicht nur bezüglich des weiteren Zinspfads. Auch ist unklar, inwiefern Warsh seine Vorstellungen hinsichtlich einer Neuausrichtung der Fed in den kommenden Jahren umsetzen wird. Begriffe wie „Regimewechsel“ machten zuletzt die Runde.

Beispielsweise stand im Vorfeld seines ersten Auftritts als Fed-Chef eine schlankere Fed-Bilanz zur Debatte. Mit 6,7 Billionen US-Dollar entspricht die Bilanzsumme derzeit rund 21 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zum Vergleich: Als Warsh im Februar 2006 erstmals bei der Fed anheuerte, lag die Bilanzsumme noch bei weniger als zehn Prozent des US-BIP – zugegebenermaßen war die geldpolitische Welt damals aber noch eine komplett andere.

Doch bereits im Rahmen des ersten Zinsentscheids unter Warsh wird klar: Es wird zumindest keinen harten Bruch mit der Geldpolitik der vergangenen Jahre geben. So bekräftigten alle zwölf stimmberechtigten Notenbanker, die bestehende Politik ausreichender Reserven im Bankensystem fortführen zu wollen.

Die Fed ist und bleibt unabhängig

Auch machte Warsh gleich zu Beginn seiner ersten Pressekonferenz sehr deutlich, dass er das Preisstabilitätsziel der Fed verteidigen werde. Restsorgen, dass der neue Fed-Vorsitzende allzu leichtfertig den Zinswünschen des US-Präsidenten folgen könnte, dürften sich damit weitgehend in Luft auflösen. Die Fed ist und bleibt unabhängig.

Nichtsdestotrotz wurde ebenso ersichtlich, dass sich die Kommunikation und die Arbeitsweise unter dem neuen Fed-Präsidenten ändern wird. So setzte er gleich mehrere sichtbare Akzente. Beispielsweise überraschte er mit einer im Vergleich zu den vergangenen Jahren deutlich zusammengestauchten Pressemitteilung, die sich auf ein Minimum an notwendigen Informationen konzentrierte.

Darüber hinaus wird Warsh fünf Arbeitsgruppen einsetzen (unter anderem zum Inflationsrahmenwerk und zur Fed-Bilanz), von denen er sich bis zum Jahresende wesentliche Erkenntnisse erhofft. Erst auf Basis dieser Erkenntnisse wird sich klarer abzeichnen, wie weitreichend der neue Fed-Vorsitzende die bald 113 Jahre alte Institution tatsächlich umkrempeln wird.

 

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