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Marktkommentar

Volker Schilling (Greiff): "Die Lage einschätzen"

© Greiff capital management AG

06.11.2020

Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?

  • Die Lage einschätzen oder die Schätze einlagern
  • Das Erzählte reicht oder das Erreichte zählt
  • Das große Ganze oder das ganz Große

Die Lage einschätzen oder die Schätze einlagern

Die US-Wahl ist gelaufen und schon jetzt stehen zwei Verlierer fest: Die Medien und die Demoskopen. Die Kunst, die Lage richtig einzuschätzen, ist den beiden Institutionen völlig abhandengekommen. So können die Demokraten weder den deutlichen Sieg vermelden, noch haben die Medien recht, wenn sie im Nachgang behaupten, dass die Demokratie in den USA in der Bedrängnis ist. Im Gegenteil: Der Souverän, das Volk, ist klüger als seine Elite. Oder wie mein Freund Lenny Fischer es formulierte: Das Wahlergebnis ist brillant! (Zur Webianaraufzeichnung (hier klicken)). Des Volkes Wille ist eindeutig: Die Themen, die Trump gesetzt hat, will man weiter verfolgt wissen, die Person Trump und seinen Stil allerdings will man weniger. Mit anderen Worten: Die Demokratie in den USA ist ziemlich am Leben, denn Demokratie heißt nicht Kuschelkurs und ständige Harmonie, sondern echte und freie Auseinandersetzung und Streit um den besten Weg. In dieser Hinsicht ist das Wahlergebnis, wenn es dabei bleibt, dass Joe Biden es gerade so schafft, sehr intelligent. Kernpunkte der Politik Trumps werden beibehalten, da Biden als Präsident ohne Mehrheit im Senat über wenig Spielraum verfügt. Damit würde er die nächsten zwei Jahre mehr verwalten als regieren. Und die Republikaner können ihre Schätze einlagern, denn die Agenda bestimmen sie weiter mit, ohne die unberechenbaren Aktionen und Attacken von Donald Trump. Die Demokraten werden sich in ihren Flügelkämpfen ergehen und die anstehenden Coronafolgen bewältigen müssen. Damit hätte Donald Trump den Demokraten einen Bärendienst erwiesen. Apropos Bär:

Das Erzählte reicht oder das Erreichte zählt

Die Börse ist alles andere als bärisch unterwegs. Die Kurse steigen nach dem unklaren Ergebnis. Warum? Die Börsen haben eben jenen Zusammenhang erkannt, dass Amerika weiter an erster Stelle stehen soll, aber mit einem gemäßigteren Ton. Und an der Börse reicht eben oft die Aussicht und weniger die Tatsache. Das Erzählte reicht, nicht das Erreichte zählt. Damit ist alles gesagt. Gute Voraussetzungen für die US-Unternehmen. Trotzdem muss der noch amtierende Präsident fürchten, dass er bei seiner Abwahl auf eine Menge Menschen trifft, die ihn für viele seiner Vergehen zur Rechenschaft ziehen wollen. Und genau für diese expräsidiale Zeit braucht Trump Munition. Und die erwirbt er durch sein Narrativ der gestohlenen Wahl. Wir wissen, dass aus der Sicht eines Donald Trump das Erzählte reicht, um als Wahrheit zu gelten. Aber mit den Wahlstimmen verhält es sich umgekehrt: Das Erreichte zählt. Und das könnte zu wenig sein. Trump ist ein Dealmaker, er wird jetzt solange lästig sein, bis er daraus für sich persönlich Kapital schlagen kann und unbehelligt seinen Platz räumt. Achtung: Hier beginnt die Jahresendrally an den US-Börsen.

Das große Ganze oder das ganz Große

Kurzum, die ganz große Sensation war es im großen Ganzen nicht. Und in diesem medialen Getöse ging fast unter, dass ein anderes ganz großes Ding diese Woche einfach abgesagt wurde: Der weltgrößte Börsengang. Die zum Alibaba-Konzern gehörende Finanztochter ANT Group wollte mit geschätzt 30 Mrd. Euro an die Börse in Hongkong und Shanghai. Daraus wurde aber nichts, da Gründer Jack Ma nach einem einzitierten Gespräch mit der chinesischen Regierung kurzerhand das große Ganze abgesagt hat. Grund: Die ANT-Group ist ein echter systemrelevanter Player am chinesischen Finanzmarkt ohne eine ausreichende Kontrolle. Den Bezahldienst Ali-Pay benutzen monatlich mehr als 700 Mio. Menschen. Jährlich laufen darüber knapp 15 Billionen Euro. Da will Chinas Regierung die Hand drauf haben. Die Aktie von Alibaba ist nach der Ankündigung im Sinkflug. Endlich kann ich diesen Tech-Riesen einmal günstiger nachkaufen.


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Informationen zum Artikel
Autor: Volker Schilling
Unternehmen: Greiff capital management AG

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