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Marktkommentar

Dr. Harald Preißler (BANTLEON): Keine Angst vor dem Le Pen-Gespenst

Die französischen Präsidentschaftswahlen drücken derzeit auf die Risikostimmung. Die Umfragen deuten zwar auf einen Sieg der gemässigten Kräfte hin – beim Brexit und der Trump-Wahl lagen die Demoskopen allerdings spektakulär daneben. Deswegen gehen viele Investoren auf Nummer sicher und suchen Schutz in deutschen Bundesanleihen.
© BANTLEON AG

Dieser Trend könnte noch bis zur Stichwahl Anfang Mai anhalten, spätestens dann dürften die nach wie vor günstigen fundamentalen Perspektiven wieder die Oberhand gewinnen. In der Folge sollten die Zinsen steigen, die Risikoprämien abschmelzen und die Aktienkurse neue Höchststände erreichen. Allerdings tickt die Uhr, denn ab dem Sommer trüben sich die Konjunkturperspektiven ein, dann steht Risikoassets die nächste Bewährungsprobe bevor.

Die näher rückenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich liegen den Finanzmärkten offenkundig schwer im Magen. Die Ausgangslage kommt einem ziemlich bekannt vor: Eigentlich ist klar, dass sich die Wähler am Ende für die Vernunft und damit gegen einen radikalen Schnitt mit unabsehbaren Folgen entscheiden sollten – das haben schliesslich auch die Niederländer oder zuvor die Österreicher so gehandhabt, wo jeweils die gemässigten Kräfte das Rennen machten.

Bei der Brexit-Abstimmung und den US-Präsidentschaftswahlen ging dieses Kalkül allerdings gehörig daneben – und dieser Stachel sitzt tief. So verwundert es nicht, dass viele Anleger in diesen Tagen Schutz in den sicheren Häfen suchen. Das beschert US-amerikanischen und deutschen Staatsanleihen rege Nachfrage (zusätzlich zu den QE-Käufen der Zentralbanken) und drückt die Renditen immer weiter nach unten. 5‑jährige Bundesobligationen rentieren mit -0,53% nur noch 10 Bp über ihrem historischen Tiefststand vom Sommer vergangenen Jahres.

Die Kehrseite sind deutlich anziehende Risikoprämien aller übrigen Staatsanleihen. Neben Frankreich sind hier auch Italien und Spanien betroffen. Wie die globalen Positionierungsdaten zeigen, sind es vor allem asiatische Anleger, die einen grossen Bogen um diese Anleihenmärkte machen.

Wir sind indes davon überzeugt, dass die Franzosen nicht dem Weg der Briten oder US-Amerikaner folgen werden. Marine Le Pen dürfte zwar ein erschreckend gutes Ergebnis erzielen, für einen Sieg in der Stichwahl wird es aber nicht reichen – darin sind sich sämtliche Wählerbefragungen einig. Das ist der zentrale Unterschied zur Brexit-Abstimmung und zur Trump-Wahl, die bereits im Vorfeld ein äusserst knappes Resultat versprochen hatten.

Insofern deutet vieles darauf hin, dass sich der jüngste Ausweitungstrend in den Risikoprämien spätestens nach der am 7. Mai stattfindenden Stichwahl wieder umkehren wird. Dann sollten auch die Bund-Renditen ihre Talfahrt beenden und endlich nach oben drehen.

Aus fundamentaler Sicht ist dieser Anstieg ohnehin überfällig. Die Deflationssorgen sind längst verschwunden, die Konjunktur in der Eurozone läuft auf vollen Touren. Sowohl die Binnennachfrage als auch der Aussenhandel sorgen für Wachstumsimpulse, das hat es in dieser Form lange nicht mehr gegeben. Das globale Umfeld präsentiert sich ebenfalls ausgesprochen dynamisch. Die US-Wirtschaft wird im 2. Quartal deutlich an Schwung zulegen, China und die anderen Schwellenländer befinden sich auf einem stabilen Expansionskurs.

Das Makroumfeld stützt mithin unsere Prognose steigender Zinsen, engerer Risikoprämien sowie neuer Höchststände an den Aktienmärkten. Allerdings tickt die Uhr: Die günstigen Aussichten dürften sich nach Massgabe unserer Frühindikatoren im Sommer eintrüben. Je länger sich die Investoren daher wegen der (geo-)politischen Unwägbarkeiten zurückhalten, umso kürzer fällt das anschliessende Freudenfest aus.

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Autor: Dr. Harald Preißler
Unternehmen: Bantleon Bank AG