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Interview

Dr. Wolfgang Sawazki (SALytic Invest): „Eine schwarze Null für 2022 wäre schon gut“

© SALytic Invest AG

12.04.2022 - Salytic-Vorstand Wolfgang Sawazki verwaltet mit seinem Team ein Anlagevolumen von über €1,3 Milliarden. Im Interview mit Citywire Deutschland spricht er über die Veränderungen, die der deutschen Wirtschaft bevorstehen, die Neubewertung des Rohstoff- und Energiesektors und welche Themen er in den Kundenportfolios besetzt.

Mit dem Ukraine-Krieg hat sich das Geschehen auf der Inflationsseite nochmals eingetrübt. Die Investoren erleben gegenwärtig eine emotionale Berg- und Talfahrt. Kaum jemand rechnet mit einer schnellen Lösung.

Der Ukraine-Krieg ist ja immer noch das beherrschende Thema, und er verschärft sich aus unserer Sicht eher, vor allem im Donbass. Die Spirale von Sanktionen dreht sich jeden Tag weiter. Es wird danach Wege zu einer leichten Besserung geben, aber leider sind wir momentan mittendrin.

Die Wirtschaftsleistung der EU und der Bundesrepublik wird in diesem Jahr doch drastisch einbrechen. Was meinen Sie: Wie geht es von hier aus weiter?

Bei der Betrachtung der Entwicklung lassen sich mehrere Wellen erkennen. Das erste Quartal in Europa war ja grundsätzlich noch relativ gut. Wir hatten durch die sukzessive Covid-Öffnung positive Effekte. Das hat dem Dienstleistungssektor eine gewisse Erleichterung gebracht, und wir haben auch in der Automobilproduktion sowie in vielen Bereichen der Industrie in den letzten Monaten einen Anstieg gesehen, weil ein Teil der Lieferketten sich gebessert hat. In den letzten vier Wochen ist das zunehmend schwieriger geworden.

In Bezug auf Logistik und Versorgung ist es so: Etwa 5% der europäischen Lastwagenfahrer sind Ukrainer. Die Belieferung mit einigen Vorprodukten ist dadurch unterbrochen, so dass nicht nur Kohle, Stahl und andere Rohwaren fehlen. Die Lager bei den Zwischenprodukte leeren sich zusehends.

Das Geschäftsmodell, das Deutschland in etwa 50 Jahren erfolgreich aufgebaut hat, ist relativ klar und einfach: Wir beziehen günstige Rohwaren und Grundstoffe aus anderen Ländern wie zum Beispiel Russland, wie Stahl, Kohle, Papier. Und dazu extrem günstige Energie. Zudem profitiert Deutschland schon bei der Produktion der Zwischenprodukte vom billigen Lohnniveau Osteuropas. Dieses Geschäftsmodell wird nun erschüttert und funktioniert so nicht mehr, die Kette ist unterbrochen. Ein wesentlicher Faktor ist der Wegfall der Arbeitskräfte aus Osteuropa. Das trifft die Weiterverarbeitung, Logisitk und den Agrarbereich.

Diese Problematik ist praktisch erst am Anfang. Das heißt eigentlich, das Problem war eben nicht auf das erste Quartal beschränkt, sondern wird erst jetzt emminent, ab April und in der Folgezeit. Die Notlage verschärft sich jeden Tag. Zunächst gab es noch Lagerbestände. Doch jetzt kommt halt nichts nach. Im Zusammenhang mit den Lieferkettenproblemen hatten wir früher schon oft über die  Kabelbäume für die Autoproduktion gesprochen. Diese Verknappung kommt zuksessive in andere Bereiche. Praktisch alles, wie die Bautätigkeit, die Industrieproduktion und der allgemeine Verbrauch kommt deutlich unter Druck. Die Störungen der Abläufe beginnen praktisch jetzt.

Spielen Sie damit auch auf die neueste ifo-Berechnung mit deutlicher Teuerung am Bau und im Handwerk an?

Ja, nehmen sie doch beispielsweise die Holzpreise. Jüngst haben wir Sanktionen auf Holz gegeben. Wenn jemand einen Dachstuhl renovieren muss, muss er mit wesentlich höheren Kosten rechnen. So hat sich der Preis für einfaches Holz praktisch verdoppelt. Dadurch fallen bei einem neuen Dachstuhl allein durch das Holz nicht €8.000 sondern auf einmal €15.000 an.

Eine viel größere Dimension zeigt sich bei der Herstellung von Stickstoffdünger, der bekanntlich für die meisten Teile der Landwirtschaft unerlässlich ist. Im Prozess wird gasbasiert Amoniak veredelt. Das rentiert sich einfach nicht mehr, wenn man die Marktpreise in Westeuropa zahlen muss. Ein Teil unseres Stickstoffdüngers kam aus Russland, Belarus oder der Ukraine, weil durch die niedrigen Gaspreise dort die Produktion immens günstig war.

Der Import fällt nun wegen der Sanktionen aus. Unser Gas kostet jetzt das 10-Fache, also ist eine Herstellung in Zentraleuropa bei den momentanen Verhältnissen absolut unwirtschaftlich. In der Agrarwirtschaft ist somit die gewollte (und dringend benötigte) Ausweitung der Anbauflächen kaum zu schaffen, da schlichtweg der Dünger fehlt.

Bei Fragen unserer Agrarversorgung spielt auch der Ausfall Russlands und der Ukraine als große „Weizenkammern“ mit hinein. Neben Europa importieren auch afrikanische Länder Unmengen an Weizen, ab Herbst wird überall weniger ankommen.

Der gesamtwirtschaftliche Ausstoß sinkt. Manche sprechen schon von einer möglichen Rationierung der Gasressourcen, also der gesteuerten Verteilung von Gas. Was erwarten Sie von der bundesdeutschen Wirtschaftspolitik?

Die Auswirkungen der Krise kommen erst jetzt von Tag zu Tag zum tragen. Für die Gesamtwirtschaft wird deshalb das zweite Quartal das schwierige.

Die Politik ist natürlich momentan von den schrecklichen Bildern des Krieges geprägt. Die Sanktionen, die wir am Anfang gemacht haben wie das Einfrieren von Geldern oder der Cut vom SWIFT-System, sind erst mittelfristig wirksam. Viele behaupten, dass wir mit unserem Festverhalten an der Abnahme von Gas Putin finanzieren. Nun muss man das doch einmal genauer beleuchten.

Ich schließe mich einer Studie von American Project an, die die Logik der Sanktionen hinterfragt. Weil wir durchsanktionieren, finanzieren wir den Krieg letztendlich wegen der Sanktionen mit. Russland produziert Kanonen und Waffen im Heimatmarkt in Rubel, benötigt dafür auch nicht Technologie oder Chips von draußen. Mit Stahl und Sprengstoffen ist Putin aufgrund der Inlandsressourcen reichlich versorgt.

Außerdem: Wenn wir unsere Kohle-Käufe abstellen, ist es ja nicht so, dass er keine Kohle mehr verkauft. Russland exportiert nach wie vor Kohle und Öl. Mit Tankern lässt sich beides fast überall hinschaffen, vor allem nach China und Indien.

De facto hat Putin durch unsere Sanktionen Mehreinnahmen. Er profitiert vom hohen Niveau des Ölpreises. So bewirken wir mit unseren Sanktionen eigentlich genau das Gegenteil von dem, was wir erreichen wollen.

Sie sind nicht wohldurchdacht, und sie müssen angepasst werden, auch wenn das unter moralischen Gesichtspunkten schwierig erscheint.

Viele sind der Meinung, dass Europa in geldpolitischer Hinsicht wenig Spielraum hat. In den USA hat sich dagegen das Säbelrasseln um die Fed abermals verschärft. Wie passen Sie Ihre Positionen an?

Es ist ja seit Jahresanfang definitiv klar: In den USA und EU wird es einen Ausstieg aus der ultraexpansiven Geldpolitik geben. Die Erwartung zum Januarbeginn war, dass sich die US-Inflation in Richtung 6% entwickeln und von dort aus wieder leicht sinken würde.

Der Durchschnitts-Kalifornier bemerkt und spürt die neuen Narrative, die durch die Ukraine-Krise abermals verschärft auf ihn einwirken: Steigende Lebensmittelpreise und anziehende Energiekosten.

Nun ist die US-Notenbank gefordert, abermals schärfer zu reagieren, stärker als sie es im Januar wollte. Wir rechnen mit einer US-Inflationsrate von 8% im Jahresverlauf und für Europa mit einer Teuerung von 7%. Damit sich die Preisspirale in den USA nicht verfestigt, muss die Notenbank deutlich agressiver gegenhalten, und selbst das Risiko in Kauf nehmen, dass sie die Konjunktur dadurch abschwächt.

Es sind schnellere und unter Umständen agressivere Zinsschritte nötig. Die US-Situation trifft nahezu voll auf Europa zu. Bislang haben wir hier keine hohen Lohnabschlüsse zu verzeichnen, aber wenn unsere Teuerung dauerhaft bei 7% verharrt, kommt der Anspruch nach drastischen Lohnerhöhungen auf. Die preistreibenden Effekte treffen die Konsumenten hart.

Beide Notenbanken müssen gegensteuern, damit sie nicht riskieren, dass sich die Inflation verfestigt.

Die EZB muss mit Entschlossenheit handeln. Unseres Erachtens wird sie die Zinsen anheben, auch wenn die Konjunktur runtergeht, um Liquidität aus dem Markt zu nehmen. Auch zu Lasten des Konsums. Wenn sie es nicht macht, muss sie nachher mehr machen. Sie muss so handeln, um einem Volckerschen Dilemma zu entgehen.

Für die EZB rechnen wir damit, dass sie ihre Bilanz um €1.000 Milliarden reduziert. Zwar ist Europa dann unseres Erachtens etwas langsamer in der Zinsentwicklung, doch gibt es keine Alternative.

Dieses Klima erzeugt ein riesigen Gegenwind für die Kapitalmärkte. Wir hatten durch die Liquiditätswelle der letzten Jahre eine überaus freundliche Preisentwicklung bei den meisten Assetklassen. Das schloss insbesonderen Rentenanlagen, aber auch Aktien, Immobilien, Kunstgegenstände, Oldtimer mit ein. Den Höhepunkt haben wir nun erlebt. Falls der Investor für 2022 mit Mühe eine schwarze Null erreicht, so wäre das schon topp!

Einige Experten sprechen von der Umkehr des Globalisierungstrends, zumindest in der Form, in der wir ihn in den vergangen 20 Jahren erlebten. Was beduetet das für Deutschland, den Export-Weltmeister Welche Einflüsse zeigen sich für Kerneuropa?

Für Deutschland und Österreich bedeutet die Summe aus den genannten Belastungen fatale Einschnitte. Gehen wir von der Energieseite aus: Der Gaspreis in unseren Breiten lag über Jahre hinweg zwischen €8 und €10 und in den USA bei etwa $4. Nun bewegt er sich etwa bei $6. Und in der EU handelt Gas bei €100 bis €120.

Das bedeutet: Wir liegen in Kerneuropa bei dem 10-Fachen des amerikanischen Levels. Die Teuerung führt dazu, dass die Nachfrage in energieintensiven Industrien, die keine hohe Transportelastizität aufweisen, sinken wird. Neuinvestitionen finden dann hier kaum statt. Alternativen bieten Teile der USA, dort dürften dementsprechend neue Produktionskapazitäten aufgebaut werden.

Innerhalb von Europa profitieren wahrscheinlich Spanien und der Benelux-Raum deutlich. So verwundert es nicht, dass Volkswagen seine neuestes Batteriewerk in der Region Valencia errichten will. Die Wolfsburger bestätigen, in das neue Werk und die Aufwertung zweier Standorte €7 Milliarden investieren zu wollen. Das ist die größte Investition in Europa überhaupt!

Spanien verfügt über entscheidende Vorteile: Eine direkte Gas-Pipeline von Nordafrika und Sonne- und Windenergie in reichlichem Maß. Das sichert weiterhin relativ niedrige Energiekosten.

Als ein anderer Profiteur zeichnet sich Standort Niederlande ab. Sie verfügen über genügend LNG- und Ölterminals.

Die Standortgewinne der anderen bedeuten mittelfristig eine Deindustrialisierung Deutschlands. Praktisch ein Rückbau, der wie ein schleichender Prozess ablaufen wird.

Diese Effekte ziehen sich durch viele Sektoren. So bilden Bereiche wie Glas-, Chemie- und Baustoffindustrie teilweise Ausnahmen, da natürlich die Transportkosten dann ebenfalls zu Buche schlagen. Ich kann mir vorstellen, dass die nächste massive Investition bei der BASF dann unter Umständen außerhalb Deutschlands stattfindet.

Wer profitiert neben den genannten Europäern?

China wird zum großen Gewinner. Das Rohstoffland Australien profitiert ebenfalls. Es zeigt sich in Bezug auf China, dass Peking mit Moskau Sonderdeals bei Öl und Kohle ausgehandelt hat. Russland muss ja nach wie vor Absatzmöglichkeiten nutzen, und da sind China und Indien auf der Abhnehmerliste ganz vorn dabei.

Für China sprechen die nach wie vor die günstigen Lohnkosten, wenig Druck von der Umwelt-Lobby und der wachsende technologische Fortschritt.

Auf der Ausstoß-Seite ist Amerika jetzt auch weit vorn. Mit den deutschen Bestellungen an Waffen und Rüstungstechnologie setzen die Konzerne deutlich mehr um, und dies zieht hohe Multiplikatoreffekte für die ganze US-Wirtschaft nach sich.

Wie können Sie für Ihre Kunden von den Trends profitieren? Wo kaufen Sie ein? Welche Themen?

Zur Ergänzung der Kundenbestände, wie wir sie beispielsweise bei unserem SALytic Active Equity oder SALytic Strategy abbilden, kaufen wir gezielt Regionen und Themen ein.

Entsprechend der Vorgaben investieren wir für die ESG-konformen Fonds nicht in Öl, Gas und Rüstung. Für die VV-Mandate haben wir die Regionen-Allokation angepasst und die USA höhergewichtet. Themenseitig kaufen wir seit einiger Zeit Unternehmen in der ganzen Rohstoffkette und Unternehmen aus dem Agrarsektor, die stark profitieren. Die Anbauflächen in der westlichen Welt müssen ausgebaut werden. Die globale Herasuforderung ist, eine Hungersnot zu verhindern.

Die wesentlichen Teuerungen für Ausgangsmaterialien, Energie- und Transportkosten bedeuten Kaufkraftverluste. Sie bewirken eine heftige Konjunkturabschwächung.

Wie versuchen wir gegenzusteuern? Die Schwerpunkte unserer Auswahl lauten: Berücksichtung von Unternehmen anderer Regionen und Picks bei Aktien, die weniger energieintesiv sind. Eine klassische Hedging-Möglichkeit ­­ wie in früheren Phasen der Abkühlung fällt nun weg, weil Staatsanleihen unattraktiv bleiben und Risiken bergen. Selbst das kurzfristige Parken macht keinen Sinn, durch den zu erwartenden Renditeanstieg kommen sie einfach nicht in Betracht.

Phasenweise haben wir für die VV-Mandate mit optimalen Timing auch Volatilität verkauft, um Ergebnisbeiträge zu generien. Zudem hatten wir unsere Investments in US-Dollar deutlich ausgebaut.

Den Anlegern muss klar sein: Sie können für 2022 nur eine maue Rendite erwarten. Falls der Investor für das laufende Jahr mit Mühe eine schwarze Null erreicht, so wäre das schon ein gutes Ergebnis.



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Informationen zum Artikel
Autor: Dr. Wolfgang Sawazki
Unternehmen: SALytic Invest AG
Herausgeber: Citywire

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